Von Ochsen, Puppendoktoren und fehlenden Rosen

Ossenbrügge. Plastik von Rolf Overberg (1989). (c) Annika Tomoor.

Ossenbrügge. Plastik von Rolf Overberg (1989). Foto: Annika Tomoor.

Von Annika Tomoor – Es ist Dienstagmittag, 13:36 Uhr. 21 Grad in der Sonne. Die Osnabrücker Innenstadt ist voller Besucher. Ein perfekter Tag also, um die Osnabrücker einmal zu fragen: „Kennen Sie eigentlich die Ossenbrügge?“ Der Großteil der Befragten schüttelt verlegen den Kopf. Eine Dame aus Holland aber sagt „Sicherlich. Wir Holländer nennen Osnabrück doch noch immer so, das ist Niederdeutsch für Ochsenbrücke“, antwortet sie taff zum Staunen der flanierenden Osnabrücker. Und damit hat sie recht.

Liebe Osnabrücker, eine Holländerin muss euch erklären, woher der Name eurer Heimat stammt? Gut, die Frage war schwierig, denn es herrscht keine Klarheit über den Ursprung des Namens Osnabrück. In der Stadt selbst gibt es nur versteckte Hinweise auf die Namensherkunft von Ossenbrügge sowie dessen Bedeutung. Aufmerksamen Flaneuren zeigt sich ein Keramik-Denkmal auf einer Betonstele, welches die Ochsenbrücke und somit die niederdeutsche Namensherkunft von Osnabrück thematisiert: die „Ossenbrügge“ von Rolf Overberg (1933-1993). Ein anderer Hinweis ist in unmittelbarer Nähe der damaligen Ochsenbrücke zu finden; in der Hasestraße ganz versteckt in einem Hinterhof – wo das ist? – Suchen Sie diesen Hinweis doch einmal selbst …

Zu sehen ist eine Skizze des ehemaligen Nord-Süd-Handelswegs mit Blick auf die Hase, welche die Händler mit ihren Ochsengespannen nur über die Ossenbrügge passieren konnten. Aus dem heutigen Stadtstraßenverlauf ergibt sich in etwa folgende Strecke: Hasestraße – Domhof – Nikolaiort – Große Straße – Neumarkt – Johannisstraße – Rosenplatz. Oder umgekehrt.

Dieser profitbringende Handelsweg trug dazu bei, dass die 780 entstandene Siedlung heute zu Niedersachsens fünf größten Städten gehört. Osnabrück war der Knotenpunkt wichtiger Handelsstraßen von Skandinavien nach Westeuropa und von den Niederlanden nach Osteuropa und wurde so zu einer blühenden Handelsstadt, die 1412 der Hanse beitrat. Ja, Sie haben richtig gehört. Nicht nur Hamburg und Lübeck sind Hansestädte, wie viele der Befragten glaubten.

Was bedeutet das nun FÜR MICH?“, fragt einer der Gäste im „Lieblingskaffee“. Das bedeutet, dass Sie ihr Eis gerade auf dem bedeutendsten Handelsweg der Stadt essen, der Ursprung für die Größe und Bedeutung der Stadt ist. Und was stellen Sie noch fest? – „Dass man das gar nicht sieht!?!“ – „Ach Norbert, sie hat doch vorhin gesagt, dass die Bemalung in dem Hinterhof und dieses Denkmal darauf hinweisen!“ Naja, im Prinzip ist diese alte Handelsstraße ja noch immer dem Handel gewidmet. Nur ist von alter Pracht nicht mehr viel zu sehen. Stellen Sie sich einmal vor, wie der Hanse-Handel auf dieser Straße früher funktioniert haben könnte …

Die Hanse ist eine einmalige Erscheinung der deutschen Geschichte. Aus der Zusammenarbeit und den Zusammenschlüssen von Kaufleuten zur Förderung ihres Handels […] entstand ein Städtebund, dem in seiner Blütezeit nahezu 200 See- und Binnenstädte angehörten“, heißt es auf der Web-Seite Hanse.org/hanse-historisch.

Wird der hanseatische Gedanke des Zusammenhalts der Geschäfts- und Kaufleute auf dieser Straße noch gelebt?

Ach Thomas, die kennst du doch – von nebenan damals. Goldbecker, die die Wanderschuhe verkauft haben. Und dann waren da noch Altenhoffs, die hatten einen guten und angesehenen Elektrofachhandel, da wo heute dieses … Gymnastik-Studio ist.“ Auch wenn einige dieser Fachgeschäfte heute nicht mehr existieren oder abgewandert sind – die Hasestraße legt noch immer Wert darauf, „dass die Geschäfte bleiben“, wie Thomas Bolte, Geschäftsführer des Schuhhauses Sunderdiek, betont: „Das sind alles Geschäfte mit Niveau!“

Natürlich, die Hasestraße ist ja auch die älteste Einkaufsstraße Osnabrücks und deshalb als Teil der ehemaligen Handelsstraße von großer Bedeutung. In den Augen vieler schien die Hasestraße zeitweilig völlig heruntergekommen. Doch die Baustellen sind weg, die Straßen und Bürgersteige renoviert, die Beleuchtung ist ausgetauscht, neue Bäume wurden gepflanzt. Hier tut sich was, und die Hasestraße erweist sich als bestes Exempel dafür, dass die ehemalige Handelsstraße zumindest teilweise zu ihrer alten Blüte zurückgeführt wurde. „Unser Geschäft gibt es jetzt seit 1898, und vor sieben Jahren habe ich es von meinem Vater Hermann übernommen“, so Bolte. „Hier kennt man sich eben und noch immer wird das Hasestraßen-Fest gefeiert. Zusammenhalt ist uns schon wichtig und der Fachhandel-Gastro-Mix macht diese Straße aus!“ Gastronomisch hat die Hasestraße nämlich so einiges zu bieten wie beispielsweise die Hausbrauerei „Rampendahl“, in der Osnabrücker Geschichte noch erlebt werden kann.

Rampendahl 02 (c) Annika Tomoor

Fassdeckel mit Bemalung am „Rampendahl“, Hasestraße 35, Osnabrück. Foto: Annika Tomoor.

Dieser mittelalterliche Bau mit noch erhaltenem Warenaufzug gehört der Gruppe von Bürgerhäusern an, die von den Bombenangriffen des Zweiten Weltkriegs verschont geblieben sind und zum besonderen Charakter der Straße beitragen. In einem jüngeren, aber ebenso charmanten Geschäftsgebäude ist die Familie Hunecke vertreten, seit 1895 in der vierten Generation, wie die 44-jährige Inhaberin Maike Hunecke berichtet, mit einer Kombination aus Friseursalon und Puppenklinik. Was das ist? Ein Doktor für Puppen, Teddys und andere Spielwaren

Maike Hunecke (c) Harald Keller)

Maike Hunecke, Hunecke’s Puppenwelt. Foto: Harald Keller.

Hier findet sich etwas, was nur noch wenige Geschäfte in Osnabrück ausmacht: Individualität durch Handarbeit. Wie Frau Hunecke erzählt, sind dreißig Prozent der Puppen sowie deren Kleider selbst genäht und geklebt. Diese Arbeit ist mit viel Zeitaufwand und Kreativität verbunden. „Was wir machen, ist noch echtes Handwerk, und das kann man auch nicht lernen. Unsere Kunden legen Wert auf Qualität und wollen beraten werden; einige kommen sogar aus dem Emsland oder Münster oder sogar von noch weiter her, weil es hier im Umkreis sonst keine Puppenkliniken mehr gibt. Es sind Sammler und auch ganz viele Leute, die nur eine Puppe haben. Auch heute noch bringen Kinder ihre Puppen und Teddys vorbei.“

Alle Altstädter sind sich sicher: die Altstadt ist traditionell und darauf ist sie stolz, „aber sie ist mit ihrem Fachhandel-Gastro-Mix nicht altbacken, oder was meinen Sie?“, so Schwester Engratia, die Referentin am modernen „Forum am Dom“ ist: „Die Altstadt ist innovativ durch ihre Lebendigkeit.“ Sie zeigt auf den rosa blühenden Magnolienbaum und das Theater. Was sie damit meint? Die Fachhändler hier wenden sich keineswegs vom Zeitgeist ab, sondern verbinden Alt und Neu zu einer charmanten Komposition, die marktfähig ist! Sei es das „Lieblingskaffee“ im denkmalgeschützten Sandsteinbau, welches Café und Einzelhandel verbindet, oder die traditionellen Fachhändler wie Sunderdiek, Prelle oder die Fleischerei Mandel, die bereits über „digitale Schaufenster“ verfügen.

Wir brauchen diese Fachhändler, die kleinen Boutiquen und die traditionelle Gastronomie. Gehen Sie vom Dom aus doch einmal nach links Richtung Neumarkt. Was macht Osnabrück denn schon noch aus? Was zieht die Menschen nach Osnabrück? Die großen Filialen, ein neues Kaufhaus am Neumarkt? In der Großen Straße – von der Johannisstraße und dem Neumarkt mal ganz zu schweigen – findet man doch nichts, was es nicht auch in jeder anderen Stadt gibt“, so Schwester Engratia.

Tüten über Tüten, Plastikbecher auf dem Boden, graue Straßen, graue Gebäude, graue Laternen.

Holthaus 05 (c) Annika Tomoor

Große Straße 43, Holthaus, Geschäfts- sowie Wohnhaus, 1768, Rokoko. Foto: Annika Tomoor.

Okay … Ausnahmen bestätigen die Regel! Glasfronten, riesige Schaufenster, modern aufgemacht, ringen um die Konsumenten. Überall rote Schilder: Sale. Nein, da hinten steht etwas Anderes: Räumungsverkauf, alles für den halben Preis! Der Ein-Euro-Shop schließt. Naja, um die Ecke am Neumarkt ist der nächste. „Nein, wir haben keine Zeit für Ihre Fragen.“ – „Sorry, ich hab´s eilig!“ – „Nein, Danke! Ich will nix kaufen!“ Die Hektik erfährt noch eine Steigerung. Der Neumarkt hat mittlerweile New-York-Charakter. Mit Sonnenbrille und Handy am Ohr rennt der Mann im Anzug über den Fußgängerweg, die Ampel zeigt schon rot. Beinahekollision mit dem Bus, der grün hat. Der BMW hupt, der Fahrer haut genervt aufs Lenkrad. Dreht die Musik auf. Endlich kann der Bus abbiegen. Grün – die Menschen rennen weiter, als wäre Nordic Walking ein neuer urbaner Fitnesstrend.

Im März wurden die letzen beiden Bäume am Neumarkt gefällt. Aber schon gut – das wird durch die roten Streifen der Warnbaken sowie die neu geklebten Neumarktutopien am ehemaligen Kaufhaus ausgeglichen.

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Osnabrück, Neumarkt 2017. Foto: Annika Tomoor.

Der gierige Konsument erwartet nun am Zentrum Neumarkt auf der gegenüberliegenden Seite die Fortführung seines Shoppinghochgefühls. Frühlingsduft? Von wegen! Hier lässt der Frühling kein blaues Band durch die Lüfte fliegen wie in Mörikes bekanntem Gedicht, sondern fettige, wohlbekannte Düfte streifen ahnungsvoll die Johannisstraße. Die Stiefmütterchen kommen schon, werden balde vom Müll verdrängt.

(c) Annika Tomoor.

Blumenbeet, Johannisstraße. Foto: Annika Tomoor.

Wer gewinnt? Natur oder Müll? Frau Tiemann wettet ganz klar auf den Müll und rät von jedem Dekor ab: „Blumenkästen wären schön! Aber … Bepflanzung ist hier gar nicht möglich. Ich muss jeden Tag vor meinem Laden die Kippen fegen.“

Alle paar Meter kommt einem eine dichte Wolke von Knoblauch gemischt mit für Osnabrück befremdlichen, orientalischen Klängen entgegen und zwischendurch ertönt aus dem Stimmengewirr ein „Tzaziki oder Cocktailsoße?!?“ Kaum ein paar Meter weiter, und der heiße, fettige Geruch wird verdrängt von einem Mix aus Zigarettenqualm und Bier, vornehmlich aus Mülleimern.

(c) Annika Tomoor.

Leerstehendes Geschäft in der Johannisstraße. Foto: Annika Tomoor.

Man munkelt zurzeit darüber, welches Geschäft für diese Immobilie geplant ist. Die Befragten waren sich sicher: da es in der Zone von der Johanniskirche bis zum Salzmarkt nur zwei statt drei Dönerläden – wie am Beginn der Johannisstraße gibt – soll hier wohl ein weiterer Dönerimbiss eingerichtet werden, der den Döner vielleicht sogar unter 2,50 Euro verkauft. Während also das moderne Konzept des „Lieblingskaffees“ auf dem ständigen Wandel des verkäuflichen Interieurs basiert, ist die einzige Verwandlung der Johannisstraße der Wechsel von „Önurs Handyladen“ zu „Alis Handyshop“: das Johannisstraßen-Starterpaket, um es für die jungen Leser verständlich auszudrücken. Während man „mit den Osnabrückern erstmal ‘n Sack Salz essen muss, bis de akzeptiert bist“, wie es der rheinländische Künstler Wilfried Bohne empfindet, sieht Karl Tiemann das mit Gelassenheit: „Das ist eben Multi-Kulti.“

Und da hat er recht. Viele der Befragten sehen die Ursache für den unbeliebten Charakter der Straße pauschal in dem massiven Bosporus-Ambiente. Das Problem ist aber eher, dass die Johannisstraße nach dem Zweiten Weltkrieg „kostengünstig und dadurch gesichtslos wiederaufgebaut“ wurde, wie der Befragte Jürgen Brinker sagt. Diese Entwicklung wurde zur Jahrtausendwende noch dadurch verstärkt, dass die Johannisstraße über zwei Jahre vollgesperrt war. Das wiederum hat letztendlich dazu geführt, dass potenzielle Mieter nicht mehr bereit waren, die Tarife von A- und B-Lagen zu bezahlen. Sicherlich ist das ein wichtiger Grund für die Ansiedlung von Kleingewerbe. Die damals zwangsweise entstandene Situation lässt das zuvor noch ausgeglichene Pendel deutlich in Richtung Große Straße schlagen. Angestammte Fachgeschäfte zogen sich aus dem Neumarkttunnel zurück. Dieser wurde schlagartig überflüssig!

Und nun kommen Entwickler und Manager aus Mönchengladbach oder sonst woher und wollen uns Osnabrücker Kaufleuten vorgaukeln, wie sich unsere Handelsstraße zu entwickeln hat!“, so ein Anlieger, der anonym bleiben möchte. Dabei vertritt hier jeder Kaufmann die Meinung, dass Osnabrück sich immer durch Fachhandel ausgezeichnet hat und hier alles andere als ein Primark-Konsumtempel gewünscht ist. Jeder kennt diese riesige Kette aus Dublin. „Stellt man sich einmal auf den Neumarkt und dreht sich um 360 Grad, dann würde sich ein solcher Konsumtempel zwar lückenlos in das jetzige Bild des mit Warnbaken verzierten Neumarktes einfügen, aber das kann es ja wohl nicht sein!“, argumentiert der Befragte. „Und übrigens“, ergänzt ein stehengebliebener Passant, „das fehlende direkte Parkangebot und die überzogenen Parkgebühren, 15 Minuten für zwei Euro, lassen auch keine Freude aufkommen!“

Übereinstimmend sind die noch angestammten Johannisstraßen-Geschäftsleute der Meinung, dass der Neumarkttunnel wieder zum Bindeglied zwischen Großer und Johannisstraße werden MUSS! Man wünscht sich großstädtische Eleganz und internationales Flair. Nur so könne die Entwicklung der ehemaligen Ossenbrügger Handelsstraße hin zu einer Einbahnstraße, für die es kein Zurück mehr gibt, die immer weiter verdreckt und an lebendigem Handel verliert, gestoppt werden. Der oberirdische Verkehr auf dem Neumarkt kann ungehindert fließen. Die Anlieger der Johannisstraße sind der Meinung: wenn jenes Konzept umgesetzt wird, kommt es zwangsläufig zu einer Renaissance und einer Neuausrichtung der Geschäftswelt in der Johannisstraße. „So eine Straße lädt doch wieder zum Verweilen und Einkaufen ein!“

Johannisstraße 12 (c) Annika Tomoor.

Osnabrück, Johannisstraße. Foto: Annika Tomoor.

Und dann wäre da auch noch der Rosenplatz …

Um das Ambiente des Handelswegs auch vom Süden her zu beleben, reicht es nach Meinung vieler Osnabrücker nicht aus, den Beton einfach rosa zu färben, denn wo haben hier die Rosen Platz? Der Befragte, ein älterer Herr aus dem Schinkel, ist der Auffassung, dass man sich auf der Suche nach einem prägenden Image zukünftig den Refrain eines Liedes von Marlene Dietrich zu eigen machen sollte. Verschmitzt lächelnd nimmt der ältere Herr seine verlegene Frau in den Arm. Die versucht sich ihm zu entziehen, aber er singt unbeirrt mit kräftiger Stimme weiter – in Abwandlung: Sag mir, wo die Rosen sind, wo sind sie geblieben?

(c) Annika Tomoor.

Einst gab es Rosenbeete, wo heute karges Grün den Mittelstreifen markiert: der Osnabrücker Rosenplatz. Foto: Annika Tomoor.

 

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