Stammtischtradition und Blümchentischdecken

Grüner Jäger.Osnabrück 2.(c) Jacob Mason.kl

Symbolmotiv: Porträts verstorbener “Klausenbrüder” im Osnabrücker “Grünen Jäger”. Foto: Jacob Mason.

Von Marleen Mühlenberg.Beim Eintreten grüßt ein großer, ausgestopfter Steinbockkopf. „Kein Widder“, versichert die Kellnerin. Der Tresen bildet das Zentrum des Raums. Die Stoffe von Lampenschirmen und Gardinen sind identisch. Weiß mit blauen Blumenapplikationen. Die Muster der Tischdecken unterscheiden sich, die Farben sind dieselben. An der Wand hängen Bilder der vergangenen Inhaber des Gasthauses „Hotel Krone“. „Inge und Rolf Nöthe 1971-1990“ verrät der kleine Zettel, der in einem der Bilderrahmen steckt. Auf allen Tischen stehen kleine Pflänzchen, die im Gegensatz zu denen auf der Fensterbank echt sind. Mit viel Mühe hat die Kellnerin alle Tische komplett eingedeckt, etwas zum Essen bestellt allerdings niemand.

Es ist zwölf Uhr Mittags an einem Sonntag. Drei weit auseinander stehende Tische sind mit Stammtischmitgliedern besetzt. Stammtisch Nummer eins besteht nur aus zwei älteren Herren, die die Siebzig schon seit einigen Jahren überschritten und sich gegenseitig kaum etwas zu sagen haben. „Es kann doch nicht sein, dass Horst erst Ostern wiederkommt.“ Über andere fehlende Mitglieder wird nicht gesprochen.

An Stammtisch Nummer zwei sitzen drei Herren mehr. Die Gruppe erscheint jünger. Es werden moderne Themen angeschnitten. Aktuelle Errungenschaften der Medien. Bluetooth, Google Mail und Blogs im Internet.

Stammtisch Nummer drei scheint besonders zu sein. Über den Köpfen der etwas älteren sieben Herren prangt im Holz die goldene Aufschrift „Bulldog-Ecke“. Geschmückt sind die Wände mit Blechschildern von Modellen der Traktorenhersteller John Deere und Lanz. Sehr gesprächig scheinen sie nicht zu sein und betrachten lieber grimmig jeden einzelnen Gast. Diejenigen, die sie nicht kennen, mit einem besonders ausdrucksstarken Blick. So unterschiedlich die Stammtische in Mitgliederzahl, Alter und Gesprächsthemen auch erscheinen, haben sie doch etwas gemeinsam. Die Gäste trinken Bier und davon reichlich.

Neben den Stammtischherren sitzen noch zwei einsame Seelen vor ihrem Bier am Tresen und unterhalten sich ab und zu mit der Bedienung. Mit der Zeit und jedem getrunkenen Bier wird es immer lauter im Gastraum des „Hotels Krone“.

Es steht in Spelle, einer Gemeinde im Emsland. Wirtschaftlich dominiert wird dieser Ort durch die Firma Krone, die eine Landmaschinenbaufirma betreibt. „Wer nicht dort arbeitet, hat in den meisten Fällen jemanden in der Familie, der dort angestellt ist“, berichtet die Kellnerin.

Den Wohlstand der Nachfahren der Hotel- und Unternehmensgründer kann man an einigen Stellen des Ortes sehen. Ganz aktuell ist der Bau einer riesigen Villa mit anschließendem Privatpark. Eine zwei Meter hohe Mauer um das Grundstück herum sichert die Privatsphäre.

Das Gasthaus wird schon seit über fünfzig Jahren verpachtet. Viel ist heute nicht los, kaum Gäste, die hier etwas essen möchten. „Das liegt wahrscheinlich am Wetter und der Glätte“, meint die Bedienung. Der Wetterbericht warnt vor gefrierendem Regen, da bleiben die Menschen wohl lieber zu Hause.

Gegen 13:00 Uhr verabschieden sich die ersten und bezahlen ihre Deckel am Tresen. Nun sind die einsamen Seelen auf den Hockern so mutig, die Zahlenden anzusprechen. Da die aber gehen wollen, fallen die Gespräche sehr kurz aus.

Dem Herrn des ersten Stammtisches, der sich über den fehlenden Horst beschwerte, fällt auf, dass die Sonne scheint. Er versucht, sich von der beklemmenden Situation des fehlenden Gesprächsstoffs zu lösen. „Ich werde langsam gehen, Helga wartet. Solange die Sonne noch scheint, gehe ich dann schon mal. Wer weiß, wann sie das nächste Mal kommt.“ Und so geht er. Sein Gefährte bleibt noch einige Minuten sitzen, entscheidet sich dann aber auch, das Gasthaus zu verlassen.

Die Tradition der Stammtische scheint im Verfall, Nachwuchs nicht in Sicht.

Auch die anderen Gruppen lösen sich langsam auf. Die Männer gehen hinaus in die Sonne und trotten langsam davon. Einzig die Zecher am Tresen bleiben noch.

Ob wohl jemand auf sie wartet?

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