Mit Schutzsuchenden auf Augenhöhe

Graffiti-Aktion von FFF in Bramsche Hesepe, Fotograf Maan Mousli, 03.10.2015

Graffiti-Aktion der Initiative „FreiZeit für Flüchtlingskinder“ in Bramsche Hesepe. Foto: Maan Mousli.

Von Christina Utermann und Thilo Schröder. – Lara (20) studiert im dritten Semester Europäische Studien mit Nebenfach Jura. Tim (28), Politikwissenschaft und Geschichte, schreibt gerade seine Bachelorarbeit. Beide engagieren sich in der Initiative „FreiZeit für Flüchtlingskinder“ (FFF) im „Exil e.V. – Osnabrücker Zentrum für Flüchtlinge“. Lara seit einem, Tim seit drei Jahren. Im Interview mit Blickpunkt.Uni sprechen sie über ihr Engagement, die aktuelle Flüchtlingslage und ihre Sorgen und Hoffnungen für die Zukunft.

Wie seid ihr denn überhaupt zu diesem Engagement gekommen?

Tim: Ich habe mal ein Praktikum im Exilverein gemacht und bin dann einfach da geblieben.
Lara: Ich habe „FreiZeit für Flüchtlingskinder“ über eine Freundin kennengelernt. Die haben sich bei ihr in einem Seminar vorgestellt und davon hat sie mir ganz begeistert erzählt. Und dann bin ich einfach mitgekommen. Ich fand die Arbeit sehr schön, weil man direkt mit den Kindern und Jugendlichen in Kontakt tritt. Deswegen bin ich da geblieben.

Und was genau macht ihr da?

Lara: Wir machen jeden Samstag oder auch öfter eine Aktion mit den Kindern aus den Erstaufnahmestellen in Bramsche-Hesepe oder am Natruper Holz in Osnabrück. Manchmal organisieren wir Vorträge, leisten Aufklärungsarbeit, veranstalten Treffen, suchen natürlich auch neue Mitarbeitende.
Tim: Wir wollen mit unserer Arbeit einen Begegnungseffekt erzielen. Einerseits zwischen den Studierenden und anderen Mitarbeitenden. Andererseits wollen wir, dass auch Mitarbeitende und Geflüchtete ins Gespräch kommen.

Tim: „Wir wollen mit unserer Arbeit einen Begegnungseffekt erzielen“

Wie nehmen die Flüchtlinge euer Engagement an?

Tim: Es sind halt Kinder – die sind sehr dankbar, freuen sich, haben Spaß. Das sind ganz normale Menschen wie du und ich, die mal gut, mal schlecht drauf sind. Wir leisten ja keine Beziehungsarbeit, das hat mehr einen Event-Charakter. Es kommen auch nicht jede Woche dieselben Kids, die Fluktuation ist sehr hoch in den Erstaufnahmeeinrichtungen.
Lara: Wir sind natürlich sensibel bei Dingen, die möglicherweise traumatische Erinnerungen wecken könnten. Wasser, offenes Feuer oder laute Geräusche versuchen wir nach Möglichkeit zu vermeiden. Wenn wir zum Beispiel Aktionen mit Feuer planen, machen wir vorher darauf aufmerksam, falls da Ängste bestehen. Ernsthafte Trauma-Ausbrüche habe ich persönlich aber nicht erlebt.

Wie läuft das denn mit der Kommunikation? Die Flüchtlinge sprechen ja viele verschiedene Sprachen.

Tim: Über den Exilverein gibt es Leute, die uns unterstützen. Oder wir treffen in den Unterkünften Leute an, die Deutsch, Englisch oder Französisch sprechen. Und Geflüchtete aus den Projekten, die die Sprachen sprechen. Die Aktionen sind aber darauf ausgelegt, dass sie ohne Sprache funktionieren – einer macht etwas vor und die anderen machen es nach.

Wie bewertet ihr generell das Engagement in Osnabrück?

Tim: Es gibt eine ganze Menge Leute und Gruppen, die sich engagieren – auch politisch. Das ist sehr positiv.
Lara: Das sieht man auch in anderen Städten, es entsteht da sehr viel. „FreiZeit für Flüchtlingskinder“ gibt es ja schon seit 2003 – das habe ich selten erlebt, dass beständige Projekte in den Städten vertreten sind.

Tim: „Aus Angst wird man doch kein Rassist!“

Hat man euch für eure Arbeit auch schon mal kritisiert?

Lara: Im privaten Umfeld verstehen manche Leute nicht, wieso ich mich dafür einsetze. Das sind so Eindrücke von außen, die einen persönlich angreifen.

Wie gehst du damit um?

Lara: Ich versuche meine Gründe darzustellen. Wenn man den persönlichen Kontakt hat, kann man nochmal ganz anders über die Situation reden, als wenn man nur Nachrichten liest und sich darüber seine Meinung bildet. Aber bei manchen Menschen kann man halt nichts mehr ändern, die sind sehr festgefahren.

Woran könnte das liegen?

Lara: Schwer zu sagen, das hat wahrscheinlich mit Ängsten zu tun. Dass sich etwas verändert im Umkreis, was den Menschen Angst macht. Ich kann das nicht ganz nachvollziehen.
Tim: Das muss irgendwo zwischen Angst und Rassismus liegen. Ich finde es aber zu wenig, den Leuten rechtsradikale Meinungen zu verzeihen oder das hinzunehmen. Aus Angst wird man doch kein Rassist! Andererseits will ich nicht gleich jeden als Rassisten bezeichnen.

Neulich gab es ja in der Innenstadt eine Anti-AfD-Demonstration. Geht ihr zu solchen Protestveranstaltungen?

Tim: Ich war auf dieser Demo. Die AfD mitten im Osnabrücker Zentrum ist natürlich absolut nicht hinnehmbar. Als Privatpersonen sind wir ständig auf Demonstrationen. Vom Exilverein oder FFF beteiligen wir uns hin und wieder an solchen Events. In unserer Öffentlichkeitsarbeit organisieren wir anti-rassistische Veranstaltungen. Demnächst gibt es zum Beispiel ein Running-Dinner. Wir beteiligen uns auch an den „Internationalen Wochen gegen Rassismus“.

Nicht jeder hat ja so viel Zeit für ehrenamtliches Engagement. Viele Studierende klagen über straffe Zeitpläne. Ist das eine Ausrede?

Tim: Ich kann das schon verstehen. Bei uns sind viele, die in ihrem Studium weit über der Regelstudienzeit liegen. Und gerade, wenn man auf Ausbildungsförderung angewiesen ist – die ja begrenzt ist –, ist das Zeitargument verständlich. Die Uni täte gut daran, mehr Zeit und Raum für ehrenamtliches Engagement einzurichten. Das ist ungeheuer wichtig und bereichert das studentische Leben. Wir werkeln an Lösungen, dass für Engagement Leistungspunkte vergeben werden. Das hat sich aber noch nicht durchgesetzt. Da liegt es auch an uns, mit der Uni zu verhandeln.

Tim: „Die Uni täte gut daran, mehr Zeit und Raum für ehrenamtliches Engagement einzurichten“

Wenn ihr euch in Gesamtdeutschland und Europa umschaut, wie wird eurer Meinung nach mit der Flüchtlingskrise umgegangen?

Tim: Das läuft katastrophal! Darum engagieren wir uns – weil wir damit nicht einverstanden sind. Wenn man ganz Europa betrachtet, ist es sogar noch schlimmer. Viele von uns sind der Meinung, die deutsche Regierung unternehme zu wenig zur Aufnahme Schutzsuchender. Gleichzeitig kritisieren andere Staaten Deutschland dafür, dass wir zu viel unternehmen würden und dass wir in Deutschland zu weit gehen würden mit der Aufnahme von Schutzsuchenden. Nichtsdestotrotz begründet das internationale Recht eine Verantwortung der europäischen Staaten, der nicht nachgegangen wird. Das ist beklagenswert.

An Silvester gab es ja in vielen Städten Deutschlands Übergriffe auf Frauen, von Belästigungen bis zu Diebstählen und sexuellen Übergriffen. Laut Medienberichten waren neben einheimischen Straftätern auch zahlreiche Asylsuchende unterschiedlicher Nationen beteiligt. Die Flüchtlinge stehen nun bei vielen unter Generalverdacht. Hat das irgendwelche Auswirkungen auf eure Arbeit?

Lara: Ich glaube, wir haben Mitarbeitende, die wissen, warum sie da sind. Ich hoffe nicht, dass nun deswegen viele Menschen nicht mehr zu uns kommen. Im Moment bin ich da ganz positiv, aber es wird sich in den nächsten Monaten zeigen, ob wir deswegen auch Mitarbeitende verlieren.
Tim: Möglicherweise sollten wir in diese Richtung auch nochmal verstärkt Öffentlichkeitsarbeit machen, nicht nur speziell auf die Silvesternacht bezogen, sondern allgemein noch stärker für unsere Arbeit und unsere Ziele werben.

Hat dieses Ereignis etwas in euren persönlichen Ansichten verändert?

Lara: Natürlich sollte so etwas mit keiner Frau an keinem Ort passieren! Mein Bild über geflüchtete Menschen hat das allerdings nicht verändert. Man muss die straffällige Person betrachten und darf keine Pauschalverurteilung vornehmen. Natürlich müssen solche Aktionen verhindert und bestraft werden. Aber man darf nicht davon ausgehen, dass eine ganze Gruppe ein bestimmtes Frauenbild vertritt. Ich habe nach wie vor keine Angst, wenn ich auf Geflüchtete treffe.

In vielen Regionen haben sich Bürgerwehren gebildet, um nach eigenen Angaben „der überforderten Polizei zu helfen“. Was haltet ihr von dieser Reaktion?

Tim: Selbstjustiz trägt in keinster Weise zu einer Verbesserung der Sicherheitslage bei. Völlig klar, das darf nicht sein! Wir alle sind fest davon überzeugt, dass sich Straftaten nicht mit einer Nationalität oder kulturellen Herkunft erklären lassen. Dies ist nur der Versuch, die einfachste aller möglichen Antworten zu geben. Das ist keine seriöse Argumentation.
Lara: Man muss auch gucken, wer sich da zu einer Bürgerwehr ernannt hat, also wer sich davon tatsächlich für Frauenrechte einsetzt und wo diese Personen vorher standen. Viele instrumentalisieren dieses Thema auch, um Antistimmung zu erzeugen.

Welche Sorgen beschäftigen Euch im Hinblick auf die Entwicklung der Flüchtlingskrise, welche Hoffnungen habt ihr?

Tim: ‚Flüchtlingskrise‘ klingt so, als ob die Menschen das Problem wären. In meinen Augen kann man bei einer Million Geflüchteten und einer Einwohnerzahl von 80 Millionen Menschen aber nicht sagen, dass die ankommenden Menschen einen krisenhaften Zustand auslösen würden. Die Situation ist zwar anspruchsvoll, aber das ist noch keine Krise, wie vielleicht in Jordanien, in der Türkei oder im Libanon. Dort besteht tatsächlich eine Fluchtkrise. Sorgen mache ich mir ganz massiv um die flüchtenden Menschen auf dem Mittelmeer oder der Balkanroute. Dort stellt die Politik europaweit keine sinnvollen Lösungen in Aussicht. Das ist eine humanitäre Katastrophe!
Lara: Für uns persönlich hoffen wir natürlich, dass wir unsere Arbeit so fortsetzen und noch weiter aufstocken können. Also: Viele Aktionen und viele glückliche Kinder. Und, dass die Begegnungen noch offener werden, auch mit den Einwohnern in Bramsche-Hesepe.

Foto: Philipp Sonnack.

Lara und Tim beim Planungstreffen der FFF. Foto: Philipp Sonnack.

Glaubt ihr, dass die Hilfsbereitschaft irgendwann eine Grenze erreicht, wenn der Zustrom der letzten Monate anhält?

Lara: Ich frage mich, wo man eine Grenze ziehen will. Welcher Person will man sagen: „So, hier ist jetzt Schluss“?
Tim: Ich würde sagen, es gibt in der Gesellschaft nach wie vor einen großen Drang, sich einzubringen und den Geflüchteten offen zu begegnen. ‚Grenze‘ ist ohnehin ein schwieriges Wort für uns. So genannte ‚Obergrenzen‘ in der Aufnahme von Schutzsuchenden sind mit der Genfer Flüchtlingskonvention überhaupt nicht in Einklang zu bringen.

Lara: „Wir dürfen nicht immer in diesen Rollen denken, dass wir die Helfenden und sie die Hilfesuchenden sind“

Aber kann es uns nicht irgendwann über den Kopf wachsen, den ganzen Menschen zu helfen?

Tim: Die geflüchteten Menschen sind ja nicht ständig und dauerhaft hilfsbedürftig. Klar, wenn man gerade am Bahnhof ankommt, braucht man vielleicht neue Schuhe, eine warme Suppe und natürlich eine Unterkunft. Aber die akute Hilfsbedürftigkeit endet nach wenigen Monaten. Auch wenn ich die kapitalistische Verwertungslogik nicht unbedingt teile, müssen diese Menschen ja bloß die Sprache lernen und können dann auf den Arbeitsmarkt losgelassen werden. Außerdem brauchen die Geflüchteten die Möglichkeit, ihre Familien nachzuholen, damit sie auch persönlich richtig ankommen können. Das Asylverfahren legt den Menschen hier jedoch Steine in den Weg.
Lara: Wir dürfen nicht immer in diesen Rollen denken, dass wir die Helfenden und sie die Hilfesuchenden sind. Das sind Begegnungen und auf Dauer werden diese Menschen Teil unserer Gesellschaft.

Habt ihr euch im Zuge eurer Arbeit auch selbst verändert?

Tim: Ursprünglich habe ich mich als Helfer gesehen – jetzt sehe ich mich aber viel mehr auf Augenhöhe.
Lara: Durch die Gruppe und die Begegnungen habe ich sehr viel für mich gelernt. Ich habe viele tolerante Menschen kennengelernt und neue Eindrücke gewonnen, die meinen Blick geöffnet haben.

Was ist wichtig für eine ‚gelungene Integration‘?

Tim: Integration ist für mich nicht unbedingt der Gradmesser für einen gelungenen Asylprozess. Natürlich ist es wünschenswert, dass diese Menschen sich mit Einheimischen vernetzen und große Freundeskreise entwickeln. Aber man muss auch diejenigen tolerieren, die dies vielleicht nicht wollen oder können. Wir werden es erleben, dass sich große Exilcommunities aus Syrien, den Subsaharastaaten, Afghanistan oder dem Irak bilden. Wenn Integration aber gelingen soll, müssen wir auch entsprechende Angebote bereitstellen. Ich bezweifle, dass dies in Deutschland derzeit gegeben ist. Wir können nicht Integration fordern, aber nichts dafür tun, dass Integration auch passieren kann.

Weitere Informationen zur Initiative „FreiZeit für Flüchtlingskinder“:
Website: www.freizeitfuerfluechtlingskinder.de
Facebook: https://www.facebook.com/freizeitfuerfluechtlingskinder/

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