Daten im freien Verkauf

Foto: Harald Keller.

Gläserne Architektur gewährt tiefe Einblicke. Nicht anders verhält es sich mit dem Internet. Foto: Harald Keller.

Von Johanna Raabe. – Jennifer Lyn Morone wagt mit ihrem Langzeitprojekt einen extremen Schritt. Sie hat ihre eigene Person zu einem gewerblichen Unternehmen erklärt, um ihre Daten im Internet nicht weiter nur von fremden Firmen ausnutzen zu lassen – sie vermarktet diese einfach selbst. Für etwas Geld kann man auf ihrer Internetseite ihre persönlichen Informationen kaufen. Egal ob beispielsweise Informationen über ihre Finanzen, Gesundheit oder gleich das gesamte Paket. Je nachdem, wie viel Geld man ausgeben möchte, sind all diese Informationen erwerblich. Warum sie diesen extremen Schritt wagt? Mit ihrem Projekt protestiert sie gegen die Ausbeutung der Daten der Nutzer im Internet. Denn mit diesen Daten machen die Firmen online viel mehr Profit als der gemeine Internetnutzer überhaupt weiß.

Das Thema des Datenmissbrauchs im Internet wird schon seit langem immer wieder in den Medien thematisiert. Sich selbst zu einer Kapitalgesellschaft machen, um die eigenen Daten zu verkaufen, ist jedoch ein extremer Schritt. Wie sind Sie auf diese Idee gekommen?

Morone: Vor meinem Projekt hatte ich mich bereits mit der Geschichte von Technologie und vor allem der Geschichte von Überwachung und der Philosophie, die hinter der Technologie steht, beschäftigt. So landete ich dann irgendwann bei den Anfängen des Internets. Sehr interessant fand ich, inwiefern das Internet uns verändert, vor allem unsere Erinnerungen und sozialen Interaktionen. Und dann kam Snowden mit seinen Enthüllungen.

Und dann waren Sie geschockt, wie viele private Informationen über die Menschen gesammelt werden?

Morone: Ich habe dabei nicht unbedingt das Problem der Verletzung der Privatsphäre gesehen, sondern vor allem das Problem, dass es Leute gibt, die unsere Daten sammeln und verkaufen. Unsere Daten haben also einen bestimmten Wert, von dem wir nichts wissen. Und natürlich habe ich mich auch gefragt, wer diese Menschen sind, die damit handeln. So bin ich dann auf diesen wahnsinnig großen Wirtschaftszweig gestoßen, von dem die Meisten gar nichts wissen. Bei meiner Recherche ist mir dann immer wieder das Wort „Corporation“ aufgefallen, also habe ich mich näher damit beschäftigt und herausgefunden, dass eine Corporation vereinfacht gesagt eine Person ist. Wenn also eine Corporation eine Person ist, dann kann ja eine Person auch eine Corporation sein. Da diese viele Vorteile genießt, wollte ich diesen Schritt selbst ausprobieren, um meine eigenen Daten als mein korporatives Eigentum zu beanspruchen und zu vermarkten.

Kannten Sie sich schon vorher im Bereich der Wirtschaft aus? Und haben Sie alles alleine gemacht oder hatten Sie Hilfe bei den damit verbundenen Formalitäten?

Morone: Nein, ich habe mich selber in die Thematik eingelesen und alles alleine gemacht. Das hat natürlich seine Zeit gedauert und ich musste viel recherchieren.

Was denken Ihre Freunde und Familie über Ihr Projekt? Wie haben sie reagiert, als Sie ihnen erzählt haben, dass fremde Menschen auf Ihre Website gehen und dort Ihre privaten Daten käuflich erwerben könnten?

Morone: Ich musste auf jeden Fall erklären, worum genau es geht und warum ich es mache. Es ist eine Art ständiges Erklären. Aber es ist ja nicht so, dass ich rund um die Uhr eine Kamera auf dem Kopf trage oder „Google Glasses“, diese Art von Konfrontation habe ich also nicht. Und ich glaube, dass meine Familie und Freunde mir vertrauen. Dieses Vertrauen habe ich zu den Firmen zum Beispiel verloren. Transparenz und Vertrauen spielt also auf jeden Fall eine große Rolle. Und ich denke, es macht einen großen Unterschied, dass meine Freunde und Familie mich kennen und ich kein Fremder bin, der einfach das Eigentum anderer verkauft.

Werden Ihre angebotenen Daten tatsächlich gekauft und wenn ja, wissen Sie, wer diese kauft?

Morone: Ich verkaufe nicht viel. Aber der Shop läuft auch noch nicht so lange und zurzeit muss der Kaufprozess auch noch vereinfacht werden. Bis jetzt haben mir die Leute das Geld bar per Post geschickt, daher weiß ich, wer sie sind. Und bei einer Ausstellung in London konnten die Besucher der Galerie Karten mit einem Code kaufen. Diesen Code mussten sie dann auf der Internetseite eingeben, genauso wie eine E-Mail Adresse. Und auch wenn sie einfach auf meinen Onlineshop gehen, würde ich ja immer noch ihre Bankinformationen sehen. Es ist also das Gleiche wie überall: mit jeder Transaktion geben wir unsere Informationen preis.

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